Im Interview: Prof. Elif Bilge Kavun über Forschung, Motivation, Zusammenarbeit und Mentoring
„Du musst keinem Stereotyp entsprechen, um [in der Wissenschaft] dazuzugehören. Neugier, Ausdauer und Integrität zählen gerade am Anfang mehr als Selbstvertrauen. […] Und es ist in Ordnung, ja sogar notwendig, Raum einzunehmen und Fragen zu stellen.“
Prof. Elif Bilge Kavun leitet die Forschungsgruppe Secure Digital Systems (SDS) am Barkhausen Institut in Dresden und ist Professorin für Secure Digital Systems an der Fakultät Informatik der TU Dresden. Im Interview spricht sie darüber, was Vertrauenswürdigkeit in digitalen Systemen wirklich bedeutet, wie technische Entscheidungen unsere Gesellschaft prägen – und warum vielfältige Perspektiven in der Wissenschaft so wichtig sind.
Motivation & Forschungsdrang
Was hat dein Interesse an digitalen Systemen geweckt?
Mich hat schon immer fasziniert, wie aus Ideen Systeme entstehen, die unsere reale Welt prägen. Während meines Studiums habe ich begonnen, die grundlegenden Prinzipien und Anforderungen hinter solchen Systemen zu verstehen. Besonders gereizt hat mich dabei die Frage, reale digitale Systeme abzusichern. Sie bilden das Rückgrat moderner Infrastruktur und es ist sehr wichtig, dass sie zuverlässig funktionieren.
Was fasziniert dich an der Forschung?
Was meine Neugier bis heute antreibt, ist die Lücke zwischen der enormen Komplexität digitaler Systeme und dem, was wir tatsächlich über ihr Verhalten verlässlich garantieren können. Es gibt immer Annahmen, die man hinterfragen kann, und Ebenen, auf denen Dinge schief gehen können. Genau das zu verstehen und zu verbessern, treibt mich an.
Frauen in der Wissenschaft: Raum einnehmen
Hattest du (weibliche) Vorbilder, die deinen Berufsweg beeinflusst haben?
Ich habe nie eine einzelne Person als Vorbild gesehen. Aber ich habe immer gern über erfolgreiche Forschende gelesen – Frauen wie Männer –, die an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten wichtige Beiträge geleistet haben. Mich hat interessiert, wie sie ihren eigenen Weg gegangen sind, und ich habe versucht, daraus zu lernen. Außerdem hatte ich das Glück, früh mit vielen prägenden Persönlichkeiten aus unserem Fach ins Gespräch zu kommen. Das hat meinen Horizont deutlich erweitert.
Welchen Rat würdest du jungen Frauen in der Wissenschaft geben?
Du musst keinem Stereotyp entsprechen, um dazuzugehören. Neugier, Ausdauer und Integrität zählen gerade am Anfang mehr als Selbstvertrauen. Dieses Selbstvertrauen wird mit der Zeit wachsen, wenn du es vielleicht noch nicht spürst. Und es ist in Ordnung, ja sogar notwendig, Raum einzunehmen und Fragen zu stellen.
Vertrauen & Verantwortung
Was bedeutet „Trustworthiness“ in deiner Arbeit?
Für mich bedeutet Vertrauenswürdigkeit, dass sich ein System wie vorgesehen verhält – auch unter widrigen Bedingungen. Dazu gehören Sicherheit, Zuverlässigkeit und Korrektheit, aber auch Transparenz: zu verstehen, warum ein System so reagiert, wie es reagiert. Vertrauen sollte nicht auf Hoffnung oder Intransparenz beruhen, sondern auf soliden Designprinzipien und sorgfältiger Analyse.
Wie eng sind technische Entscheidungen mit gesellschaftlichen Auswirkungen verknüpft?
Ich halte diesen Zusammenhang für sehr eng. Technische Designentscheidungen können Sicherheit, Privatsphäre, Fairness oder Resilienz auf gesellschaftlicher Ebene beeinflussen. Auch wenn wir als Forschende nicht immer kontrollieren können, wie unsere Arbeit genutzt wird, tragen wir Verantwortung. Wir sollten über reine Leistungskennzahlen hinausdenken und langfristige Folgen berücksichtigen.
Gerade diese Verbindung aus langfristiger Wirkung und offenen Fragen motiviert mich. Sichere und vertrauenswürdige digitale Systeme werden für unsere Gesellschaft immer wichtiger. Dazu beizutragen, sie verlässlicher und verständlicher zu machen, empfinde ich als sehr sinnstiftend.
Zusammenarbeit & Mentoring
Warum ist interdisziplinäre Zusammenarbeit so wichtig?
Zusammenarbeit ist in unserer Forschung essenziell. Sichere digitale Systeme werden nie im Alleingang entwickelt. In ihnen verbinden sich Hardware, Software, formale Methoden und häufig auch rechtliche oder gesellschaftliche Fragestellungen. Ich arbeite seit meiner Promotion in interdisziplinären Teams und ermutige auch mein Team dazu. Besonders wichtig sind mir Offenheit, gegenseitiger Respekt und wie die Bereitschaft, Annahmen zu erklären und andere Perspektiven einzunehmen und zu verstehen.
Was schätzt du am meisten am Lehren und dem Mentoring junger Forschender?
Am meisten Freude macht es mir zu sehen, wie Studierende und Nachwuchsforschende an Selbstvertrauen und Eigenständigkeit gewinnen. Sie vom ersten Tag bis zum nächsten Karriereschritt zu begleiten, ist sehr erfüllend. Gleichzeitig zwingt mich das Lehren dazu, die Grundlagen immer wieder neu zu reflektieren, was wiederum auch mein eigenes Verständnis schärft.